|
Festvortrag von Prof. Dr. Hans Filbinger
auf der 7. Weikersheimer Hochschulwoche 1998
Inhalt:
Geleitwort von
Prof. Dr. v. Stetten, MdB
Dr. Hans Filbinger
Meine Bilanz in den Umbrüchen unseres JahrhundertsVorwort
Sehr geehrter Herr Ehrenpräsident, lieber Herr Filbinger,
85 Jahre alt zu werden, ist kein eigenes Verdienst, aber ein Ereignis, zu dem das Präsidium, das Kuratorium und die Mitglieder des Studienzentrums Weikersheim e.V. Deutschland morgen Ihnen die herzlichsten Glückwünsche überbringen, verbunden mit dem Wunsche, daß Sie noch lange bei körperlicher und geistiger Gesundheit für die Grundideen und Ziele des Studienzentrums Weikersheim e.V. Deutschland morgen eintreten können. Sie haben das Studienzentrum Weikersheim nicht nur gegründet, sondern mit Leben und Inhalt erfüllt und waren fast 20 Jahre Präsident, spiritus rector und Organisator in einer Person. Mit Ihrem Vortrag
"Meine Bilanz in den Umbrüchen unseres Jahrhunderts"
haben Sie viel von dem einfließen lassen, was an Themen auf den großen Kongressen und in den Studienwochen von Weikersheim der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Der Vortrag zeigt Ihre tiefe geistige Verwurzeln in der demokratisch-konservativen Bewegung, die es zu bewahren gilt, ohne auf Erneuerung zu verzichten. Für Ihre Lebensleistung gebührt Ihnen Dank und Respekt und auch ein Stück Bewunderung. Sie sind allen Anfeindungen zum Trotz Ihrer positiven, politisch weitsichtigen Linie treu geblieben und geben auch heute noch im hohen Alter Impulse für die Jugend.
Wir alle danken Ihnen.
v. Stetten
Präsident des Studienzentrums Weikersheim e.V. Deutschland morgen
__________________________
Hans Filbinger:
Meine Bilanz in den Umbrüchen unseres Jahrhunderts
Noch in der Morgenröte des 20. Jahrhunderts, in den scheinbar ausweglosen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, wurde ich geboren. Wenn ich jetzt in der Abendsonne des zu Ende gehenden Jahrhunderts, im Rückblick auf die bereits Geschichte gewordenen Ereignisse und mein Leben darin, eine Bilanz ziehe, dann liegt dieser Absicht keine Selbstüberhebung zugrunde. Nur noch fünfzehneinhalb Monate vor der Jahrtausendwende ist die Zeit für eine redliche Rechenschaft über den Verlauf des 20. Jahrhunderts gekommen.
Vor allem bin ich über die Gelegenheit erfreut, zwei Tage vor meinem 85. Geburtstag, die Bilanz meines Lebens inmitten stürmischer Ereignisse vor jungen Menschen aus dem Inland und Ausland zum Beginn der VII. WEIKERSHEIMER HOCHSCHULWOCHE vortragen zu können. Geschichtliche und persönliche Erfahrungen an die nächste und übernächste Generation weiterzugeben, scheint eine vergebliche Bemühung zu sein. Dennoch wage ich in den unbestreitbaren Reifejahren meines Lebens einen solchen bilanzziehenden Versuch. Damit folge ich keineswegs einem plötzlichen Einfall, denn seit meinem Rücktritt als Ministerpräsident von Baden-Württemberg habe ich mich durch die Gründung des Studienzentrums Weikersheim gleichsam dienstverpflichtet, jungen Menschen begreifbar zu machen, daß ein Leben in Freiheit und Würde allein nur in einer rechtsstaatlichen Demokratie gewährleistet werden kann.
Die Demokratie bedarf nicht nur der Zustimmung des Staatsbürgers. Um Bedrohung von ihr abzuwenden, bedarf es vielmehr der geistigen Erneuerung ihrer Grundlagen und der aktiven Mitgestaltung im Verantwortungsgefüge einer repräsentativen Demokratie. Dies ist eine immer wahrende Aufgabe. Zu Recht sagte darum der amerikanische Philosoph John Dewey, daß die Demokratie in jeder Generation neu erlernt werden muß.
Ich gestehe daher, - ohne Einschränkung, daß von den vier Regierungssystemen, die ich in meinem Leben kennenlernte, die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland meinem geistigen, politischen und religiösen Weltbild voll entspricht. Dieses Bekenntnis erhält sein Gewicht durch den unbestreitbaren Tatbestand, daß die Regierungssysteme, die ich erlebte, keine Kontinuität in einem normalen Wandel darstellen.
I.
Das 20. Jahrhundert umfaßt, für jeden Zeitgenossen leicht einsichtig, mehr Brüche als Kontinuitäten. So umfaßt meine Lebenszeit vier Regierungssysteme.
Ich war gerade fünf Jahre alt, als das Kaiserreich unterging. In die Weimarer Demokratie wuchs ich wie selbstverständlich hinein und erlebte ihr Ende im Jahre 1933.
Alsdann kam das sogenannte Dritte Reich, das zwölf Jahre dauerte, und schließlich nach einer Übergangszeit von vier Jahren, in der wir keine deutsche Regierung hatten, wurde die Bundesrepublik Deutschland als freiheitlicher Rechtsstaat gegründet, der bis heute seine Festigkeit bewiesen hat und alle Aussichten besitzt, die Demokratie in Deutschland zu einer unerschütterlichen Tradition werden zu lassen.
Der Wechsel von einem Regierungssystem zum anderen bedeutete jeweils einen Kontinuitätsbruch in der deutschen Geschichte. Der tiefste Einbruch war aber zweifellos derjenige des Jahres 1945, als das erst von Bismarck 1871 geschaffene Deutsche Reich am Ende des Zweiten Weltkrieges zusammenbrach. Unsere moralische und politische Identität schien damit zerstört. Die Regierungsgewalt lag ausschließlich in den Händen der Besatzungsmächte. Städte waren zerstört, das Land verwüstet, die Wirtschaft und Verwaltung waren gelähmt. Der Bevölkerung fehlte es am Nötigsten für das Überleben.
Damals konnte man denken, daß die deutsche Geschichte zu Ende gegangen sei. Dieses Unheil war die verhängnisvolle Folge der Herrschaft Hitlers über Deutschland.
Das Hitlersche Regime bedeutete eine Mißachtung aller Prinzipien und Werte, die unverzichtbare Bestandteile der europäischen Kultur und der zivilisierten Demokratien ausmachen: Das Recht auf Leben, auf Unverletzlichkeit der Person, auf persönliche, politische und religiöse Freiheit, auf freie Meinungsäußerung wurde von Hitler und seinen Anhängern der Verhöhnung preisgegeben. Diese diabolische Verachtung traf Deutsche wie Menschen anderer Völker gleichermaßen.
Getrieben von einem frevelhaften Größenwahn und einem wahnsinnigen Rassenhaß hat Hitler damit das deutsche Volk in den Abgrund gestürzt und weltweit unermeßliches Leid über die Völker gebracht. Unausdenkbare Schandtaten sind von ihm und seinen Handlangern verübt worden.
Zuerst wurden die Verbrechen noch sorgfältig vor der Öffentlichkeit, zum Teil mit raffinierten Mitteln der Täuschung, vertuscht. Im Laufe des Krieges und im Zuge der Verschlechterung der Kriegslage fielen dann aber alle Schranken, und Hitler gab schließlich das eigene Volk dem Verderben preis, als er das Scheitern seiner Kriegsziele mehr und mehr einsehen mußte.
Die "vulkanische Gewalt" mit der unvermutete dunkle Mächte und Kräfte die "offenbar dünne Decke von Zivilisation und Kultur durchstoßen konnten", hat der unvergeßliche Goetz Briefs an seinem 80. Geburtstag im Jahre 1969 als die tiefste Erschütterung seines Lebens bezeichnet. Daraus spricht die Verzweiflung des Christen und des Demokraten über die Abgründe unseres Jahrhunderts. Ich kann seine Empfindung nur teilen. Aus ihm spricht die bittere Erfahrung meiner Generation.
Ich selbst war neunzehn Jahre alt und stand kurz vor dem Abitur, als Hitler am 31.01.1933 an die Macht kam. Doch es dauerte nicht lange, bis auch viele junge Menschen wie ich mit dem neuen Regime in Konflikt gerieten. Ich gehörte wie der Philosoph Max Müller, und der spätere ZDF-Intendant Karl Holzamer zu dem katholischen Schülerbund NEUDEUTSCHLAND, der sich als Teil der bündischen Jugend fühlte und die Traditionen des legendären "Wandervogel" und der Pfadfinderschaft aufgenommen hatte. Im Geist dieser Jugendbewegung wollten wir unser Leben gestalten und an einer wertorientierten Demokratie als Gemeinschaft mitwirken.
Recht schnell versuchten die Hitler-Jugend und das Jungvolk die freien Jugendverbände aufzulösen und der Staatsjugend einzuverleiben. Sie halten damit bei vielen Kreisen der Jugend, bis in die studentischen Verbindungen an den Universitäten hinein, durchaus Erfolg. Im Gegensatz dazu waren wir im Bunde NEUDEUTSCHLAND entschlossen, unser politisches und religiöses Bekenntnis zu wahren und widersetzten uns dem Drängen auf Gleichschaltung mit der Hitler-Jugend. Ich persönlich richtete in meiner Eigenschaft als Leiter des nordbadischen Gaues von NEUDEUTSCHLAND einen schriftlichen Appell an alle unsere Mitglieder, standhaft zu bleiben und das gewohnte Leben in den Gruppen weiterzuführen. Dazu gab es in dem "10. Gaubrief" vom April 1933 ein Programm für das nächste halbe Jahr, in welchem die Veranstaltungen, die wir durchführen wollten, genau aufgeführt waren.
Für mich hatte dieser Gaubrief die Folge, daß ich auf die "schwarze Liste" der Regimegegner gesetzt wurde. Der Prägestempel: "politisch unzuverlässig" hing nun an mir, was ich in der Folgezeit zu spüren bekam.
Im Jahre 1939 wurde der Bund NEUDEUTSCHLAND durch die Gestapo verboten. Unser Heim im Schwarzwald, das "Hammerloch", ein aufgelassener Bauernhof, wurde als "staatsfeindliches Vermögen" beschlagnahmt.
Bis dahin war das Leben der Gruppen trotz Übergriffe der Staatsjugend weitergegangen. Es gab Denunziationen, Strafverfahren und Verhaftungen gegen Bundesbrüder. Unser Bundesführer, Hans Hien aus München, wurde schon im Frühjahr 1933 wegen Vorbereitung zum Hochverrat unter Anklage gestellt. Alfred Delp, der im Jahre 1945 hingerichtete Jesuitenpater, entstammt ebenfalls einer Mannheimer Gruppe des Bundes NEUDEUTSCHLAND.
Wenn ich ein Richtmaß für mein Leben angeben soll, so war es mein religiöser Glaube, der geprägt war durch ein tief gläubiges katholisches Elternhaus und durch die religiöse Unterweisung, die wir als Schüler und Studenten im Bund NEUDEUTSCHLAND erhalten haben. Wir hatten Vorbilder in dem großen Benediktiner Adalbert Graf Neipperg, Abt auf Stift Neuburg, und auch in dem Religionsphilosophen Romano Guardini, einer großen Erziehergestalt und führend im "Quickborn", einem den Neudeutschen verwandten katholischen Jugendbund.
Vom Denken und Wollen dieser jungen Generation sagte er schon vor 1933:
"Ein neuer Geist lebt in ihnen, ein neues Daseinsgefühl ist vorhanden". Es gelte im religiösen Bereich in Abwendung von überholten Formen der Frömmigkeit "wieder denkend und lebend im christlichen Dasein als ganzem Stand zu fassen".
Romano Guardini wurde nach 1945 einer der geistigen Wegweiser der Ära Adenauer und Erhard.
II.
Warum hat das deutsche Volk Hitler zur Macht kommen lassen?
Das ist die Frage, die als Vorwurf 60 Jahre später mit zunehmendem Unverständnis gestellt wird.
Die Antwort ergibt sich aus dem Schicksal der Weimarer Republik, die an ihrer Schwäche zugrunde gegangen ist. Die Weimarer Verfassung stellte zwar den ernsthaften Versuch dar, eine freiheitliche rechtsstaatliche Republik zu begründen. Aber die Rechtsparteien wie die Linksparteien verweigerten von Anfang an die Loyalität. Armee und Beamtentum, die tonangebend waren, lehnten den von Sozialdemokraten, Zentrum und Deutscher Volkspartei - den "Systemparteien" - getragenen Staat ab. Diese Parteien hatten bei den Wahlen jeweils große Mühe, die nötige Mehrheit zu beschaffen und waren leicht zu stürzen. So löste eine Regierung die andere ab. Ihr Gewicht wurde unter dem Druck der erstarkenden Oppositionsparteien zusehends geringer.
Schon die ersten Jahre des jungen Staates waren durch Umsturzversuche von links und rechts außen gekennzeichnet. 1919 wurde in Bayern eine kommunistische Räterepublik ausgerufen, die von Max Weber als "Karneval" beschrieben wurde.
1920 ergriffen nationalistische Kreise durch einen Staatsstreich Besitz von Berlin. Der Reichspräsident und die Reichsregierung entwichen nach Stuttgart.
Im gleichen Jahre besetzten französische Truppen das Rheinland. 1921 wurde in Mitteldeutschland ein kommunistischer Aufstand entfesselt. Ebenfalls 1921 wurde Reichsfinanzminister Erzberger und im Jahr 1922 Außenminister Rathenau ermordet.
1923 besetzte die französische Armee das Ruhrgebiet zur Erlangung "produktiver Pfänder" für ihre Reparationsforderungen. Hitler rief am 8.19. November 1923 in München die nationale Revolution aus, die bekanntlich scheiterte. NSDAP und KPD wurden danach im ganzen Reich verboten.
Die alliierten Staaten des Westens setzten ihre in Versailles begonnene Politik der Demütigung des deutschen Reiches fort. Sie versagten den Regierungen die dringend benötigten Konzessionen, etwa bei den Reparationsverhandlungen, die sie später Hitler ohne weiteres einräumten.
Nach einer kurzen wirtschaftlichen Erholung um die Mitte der 2Oer Jahre setzte im Jahre 1929 die Weltwirtschaftskrise ein, die die deutsche Wirtschaft stärker erschütterte als diejenige der Nachbarstaaten im Westen. Die Massenarbeitslosigkeit führte zur Verelendung weiter Bevölkerungskreise, ohne daß die Regierungen die Kraft für eine Beherrschung der Krise aufgebracht hätten. Das nutzten die notorischen Gegner des parlamentarischen Systems, die Nationalsozialisten einerseits und die Kommunisten andererseits in hemmungsloser Weise aus. Zwischen beiden Extremen entbrannte ein schonungsloser Kampf um die Macht im Staate.
Die Wahlkämpfe waren durch die gewaltsamen Auseinandersetzungen der radikalen Parteien gekennzeichnet. Die Gewalt eskalierte zu blutigen Kämpfen auf den Straßen und in den Sälen. Hitler ging mit seiner Privatarmee, der SA, in die Arbeiterviertel der Großstädte, um die Hochburgen der kommunistischen Partei zu erobern. Trotzdem erreichte er nie die absolute Mehrheit bei den Wahlen. 1932 erlag er dem Feldmarschall von Hindenburg bei den Reichspräsidentenwahlen. Bei den Reichstagswahlen im gleichen Jahr errang zwar die NSDAP die höchste Stimmenzahl mit 37,3 % der Wahlbeteiligten doch schon drei Monate später, am 6.11.1932 verlor sie zwei Millionen Stimmen und sank auf 33% ab. Der Absturz setzte sich bei den Landtagswahlen in Thüringen fort.
Historisch gesichert ist heute die Tatsache, daß die etwa 13 Millionen Menschen, die für Hitler im Jahre 1933 stimmten, keineswegs wußten oder auch nur wünschten, was sie wählten. Ihr beherrschender Gedanke war, aus der extremen wirtschaftlichen Notlage mit über 6 Millionen Arbeitslosen herauszukommen. Das bestehende politische System schien ihnen nicht mehr helfen zu können. Nur die Kommunisten und Nationalsozialisten versprachen eine radikale Änderung des als unfähig denunzierten Systems. Für viele, ja die meisten, erschienen die Nationalsozialisten gegenüber den Kommunisten als das kleinere Übel.
So wurde die Weimarer Republik durch die Radikalen von links und rechts in ihrer Handlungsfähigkeit gelähmt, was schließlich ihren Untergang bewirkte. Es kann nicht verschwiegen werden, daß zu dieser Schwäche die rechtsgerichteten Parteien, die immer eine Distanz zu der Republik bewahrt hatten, sich nie in voller Loyalität zu dem demokratischen Staat bekannt hatten, beigetragen haben.
Wir können nicht nachdrücklich genug die Lehre aus dem Untergang des Weimarer Staates ziehen. Die Demokratie bedarf der vollen Loyalität des Volkes. Radikale Parteien, die den Staat und seine Verfassung ablehnen, müssen mit aller Kraft bekämpft werden. Das ist meine Schlußfolgerung aus den Erlebnissen meiner Jugend in der ich die schwere Zäsur des Übergangs von einem freiheitlichen Rechtsstaat zur Diktatur schmerzvoll habe miterleben müssen.
Und die weitere Schlußfolgerung:
Die Weimarer Republik hatte eine schwache Verfassung. Die geschichtliche Erfahrung zeigt: Plebiszitäre Demokratien wie in Weimar gewährleisten weder Stabilität noch Kontinuität. Der Zuruf: "Nie mehr Weimar" bedeutet daher auch:
Der repräsentative Charakter unseres Grundgesetzes muß gegen plebiszitäre und rechtspositivistische Aushöhlungen verteidigt werden.
III.
1. Die Deutschen waren kein Volk von Nazis
Nach der Machtergreifung am 31.01.1933 machte Hitler kurzen Prozeß mit seinen politischen Gegnern. Er entmachtete die Parteien und die Gewerkschaften und erreichte durch eine Mischung aus List und Brutalität zuerst das Trugbild einer Scheinlegalität. Alles geschah nicht auf einmal, sondern stufenweise und auch unter Berücksichtigung der jeweiligen außenpolitischen Lage.
Nach Kriegsbeginn und im Zuge der immer weiteren Verschärfung der Kriegslage ließ Hitler dann alle Hemmungen fallen.
Wer die Gewalt beschreiben will, mit der Hitlers Herrschaft die Menschen unterjocht hat, muß über den Totalitarismus reden. Der Totalitarismus läßt keine Gedankenfreiheit zu; er kann es nicht, weil diejenigen, die nachdenken, ihm zur Gefahr werden. Das totalitäre System unterdrückte die freie Meinungsäußerung. Die Presse wurde gleichgeschaltet, Journalisten und Intellektuelle kaltgestellt. Die Gruppen und Kreise im Volk, die in den Verdacht gerieten, gegen das Regime zu sein, wurden überwacht und kontrolliert. Es gab die sogenannte "Schutzhaft" für solche, denen kein Prozeß gemacht werden konnte. Die ersten Konzentrationslager wurden für Oppositionelle eingerichtet: Kommunisten, Sozialisten, Liberale, katholische und evangelische Christen verschwanden hinter dem Stacheldraht.
2. Widerstand gegen das NS-Regime
Es gab dabei durchaus im deutschen Volk ein Aufbäumen gegen Hitlers Zwangssystem, an dem alle sozialen Schichten, Arbeiter und Bürger, Repräsentanten der Kirchen und Vertreter aller politischen Lager beteiligt waren.
Die Münchener Studenten der Weißen Rose" sind hier ebenso zu nennen, wie die Oppositionsgruppe der "Roten Kapelle". Aber ein organisierter Widerstand, der auch die gewaltsame Beseitigung des Diktators einschließen mußte, war nur dem Militär möglich. Umsturzpläne wurden seit dem Jahre 1938 von Generaloberst Beck und einigen eingeweihten Offizieren erarbeitet, weil man erkannt hatte, daß Hitler den Krieg will. Daran sollte er gehindert werden.
Der Abschluß des Münchener Abkommens mit den Westmächten über die Eingliederung des Sudetenlandes ins Reich vom 29.09.1938 ließ diese Pläne scheitern. Hitlers Popularität, die durch die Beseitigung der Arbeitslosigkeit und die zuvor errungenen außenpolitischen Erfolge gewachsen war, stieg durch diese Kapitulation der Schutzmächte der Tschechoslowakei, Großbritanniens und Frankreichs ins Unermeßliche und machte die Aktion der politischen und militärischen Opposition aussichtslos. Trotzdem sind im Laufe des Krieges eine Reihe von Attentaten unternommen worden; alle sind gescheitert. Der Mut und die Gesinnung, die in diesen Taten lebendig wurden, verdienen die höchste Anerkennung. Das gilt im besonderen Maße für die Ruhmestat des Grafen Stauffenberg und seiner Kameraden am 20. Juli 1944.
Winston Churchill hat in einer Rede im Unterhaus von 1946 ausgesprochen, daß diese Opposition "zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte aller Völker je hervorgebracht wurde". Churchill hat mit dieser Charakterisierung nicht zu hoch gegriffen. Sie wird dem innersten Anliegen der Verschwörer gerecht, das kurz vor dem Attentat Henning von Treskow in die Worte gefaßt hat:
"Sollte das Attentat nicht gelingen, so muß dennoch gehandelt werden, denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig."
Wenn man die Geschichte des deutschen Widerstandes gegen Hitler zur Kenntnis nimmt, dann kann einem das Gefühl anmuten, der Teufel habe die Hand über Hitler gehalten.
3. Die geistig religiöse Grundlage blieb im deutschen Volke erhalten
Die deutsche Katastrophe hat die religiöse Grundlage unseres Volkes nicht zerstört. Wenn man nach den Kräften fragt, die unser Volk instand gesetzt haben, den Zusammenbruch des Staates zu überstehen und wieder neu anzufangen, dann muß der christliche Glaube, der in vielen Teilen unseres Volkes erhalten blieb, genannt werden. Die beiden Kirchen, die katholische und die evangelische Kirche, haben Persönlichkeiten hervorgebracht, die durch ihr Beispiel und durch ihr mutiges Wort großen Einfluß gewonnen haben. Auf evangelischer Seite war es Dietrich Bonhoeffer, der unbeugsam seinen geistigen Widerstand gegen das Regime vorgelebt hat und dafür das Opfer seines Lebens bringen mußte. Auf katholischer Seite ragten der Jesuitenpater Alfred Delp aus Mannheim ebenso wie sein bayerischer Mitbruder Pater Rupert Mayer hervor. Die Predigten des Bischofs von Galen, des "Löwen von Münster" haben damals ganz gewaltige Wirkungen in unserem Volke erzeugt, die auch Hitler nicht zu unterdrücken wagte.
Die Schwachpunkte bei den Kirchen können nicht übergangen werden. Dazu zählt die Gründung der dem Regime hörigen Gemeinschaft der "Deutschen Christen" auf evangelischer Seite. Die katholische Kirche ließ sich durch das Konkordat von Hitler täuschen. Es gab katholische Kirchenführer, die Loyalitätsbekundungen für Hitler abgaben.
Aufs Ganze gesehen aber waren nach dem Zusammenbruch von Hitlers Herrschaftssystem die Kirchen nahezu die einzigen Institutionen, die intakt geblieben waren. Ihr Beistand war unverzichtbar für den Wiederaufbau. Das spiegelt sich in der Verfassungsurkunde unseres Grundgesetzes wider, das im "Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott" erstellt worden ist.
Man hat uns Deutschen vielfach, und sicherlich nicht ganz ohne Grund, den Mangel an Bürgermut, genannt Zivilcourage, vorgeworfen. Die Männer des Widerstandes, insbesondere die Verschwörer des 20. Juli 1944, haben dem deutschen Namen eine Ehrenrettung verschafft, für die wir als Volk nicht dankbar genug sein können.
Sie haben den Beweis dafür gebracht, daß es das andere Deutschland gab das sich auch durch die äußersten Bedrückung nicht dem Willen des Hitlerregimes unterwarf.
Ich habe als junger Mensch in einem Freundeskreis in Freiburg gelebt, für den die Gegnerschaft gegen das nationalsozialistische Herrschersystem selbstverständliche Voraussetzung war. Der Kreis hatte sich um den katholischen Publizisten Karl Faerber gebildet, später kam der Dichter Reinhold Schneider dazu, der zum "Gewissen Deutschlands" in schwerer Zeit geworden ist. Sein Wort hat Hunderttausende ermutigt und Trost gespendet. Seine Schriften erreichten riesige Auflagen, obwohl er Schreibverbot hatte. Die oft nur hektographierten Blätter gingen von Hand zu Hand, unter anderem auch in Stalingrad.
Ein anderer Freiburger Kreis hatte sich um die Professoren Walter Eucken, Franz Böhm, Constantin von Dietze, Adolf Lampe, die Begründer der sogenannten Freiburger Schule der Marktwirtschaft, gebildet. Abgestoßen durch den nationalsozialistischen Zwangsstaat entwickelten sie eine freiheitliche, am Marktgeschehen orientierte Wirtschaftsordnung. Mehrere Mitglieder dieser Gemeinschaft waren Mitwisser oder aktiv Beteiligte an den Plänen zur Ausschaltung Hitlers. Nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurden Constantin von Dietze, Rudolf Lampe und der Historiker Gerhard Ritter verhaftet und entgingen nur mit knapper Not dem Schicksal, das die anderen Mittäter erleiden mußten.
Die verjagten Politiker, Gewerkschaftler, Intellektuellen, Kirchenmänner waren naturgemäß gegenüber dem Machtapparat des Staates ohnmächtig. Aber sie blieben geistig das was sie waren, und ohne diesen Bestand an Menschen, die geistig nicht kapituliert hatten, wäre es nicht gelungen, nach dem Kriege den demokratischen Rechtsstaat aufzubauen.
IV.
Die Anfänge der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland waren beschwerlich genug. Die Städte und Industriezentren waren zerstört, die Nahrungsmittel am Anfang knapp und die allgemeine Arbeitslosigkeit war noch gesteigert durch den Zuzug von ca. 12 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Osten. Stalin hatte die Vertreibung als Mittel eingesetzt, um den Westen Deutschlands für eine kommunistische Machtübernahme reif werden zu lassen. Die kommunistische Partei spielte nicht nur im Osten, sondern auch in der Bundesrepublik Deutschlands eine zerstörerische Rolle. Gegen die Wiederbeschaffung wurde eine sogenannte "Friedensbewegung" in Gang gesetzt, die unter der Parole "Ohne mich" die Aufstellung der Bundeswehr zu verhindern suchte.
Heute wissen wir genaueres darüber, wie von der DDR aus die Bundesrepublik Deutschland durch Spione und Agenten unterwandert worden ist. Es waren nicht nur eingeschleuste Leute aus dem Osten, sondern es sollen nach Schätzungen ungefähr 20.000 Personen im Westen für die subversive Arbeit gegen den freiheitlichen Staat eingesetzt worden sein, um einen Umsturz herbeizuführen.
Die Wende der Dinge gelang dank der klugen Politik unserer Staatsmänner, in erster Linie Konrad Adenauers und seines Wirtschaftsministers Ludwig Erhard, aber auch Kurt Schumachers, der die Sozialdemokratische Partei damals noch vor der Infiltration durch den Kommunismus bewahrte.
Konrad Adenauer errang durch seine geradlinige Politik die Integration der Bundesrepublik Deutschland in die Familie der freien westlichen Demokratien. In härtesten Kämpfen im Deutschen Bundestag und in der deutschen Öffentlichkeit hat er sich durchgesetzt. Der Abschluß der Montanunion im Jahre 1950/51, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, der deutsch-französische Freundschaftsvertrag, der Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO, sind Etappen auf dem Weg zur Herstellung eines europäisch-atlantischen Bündnissystems, das in unseren Tagen durch die Europäische Union und die Währungsunion seine konsequente Fortsetzung erfährt.
Nicht möglich wäre diese mutige Politik ohne die Tat des Wirtschaftsministers Ludwig Erhard gewesen, der durch die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft das deutsche Wirtschaftswunder herbeigeführt und dadurch die Politik aus der äußersten Not bis in relativen Wohlstand geführt hat.
Die geistige Vorarbeit dafür wurde von dem bereits erwähnten Freiburger Nationalökonomen Walter Eucken und seinem Kreis geleistet und gleichzeitig von anderen herausragenden deutschen Gelehrten, die sich in der Emigration befanden, wie Wilhelm Röpke in Genf, Alexander Rüstow in Istanbul, Goetz Briefs in den USA. Es ist das Konzept, das heute in der ganzen Welt als vorbildlich gilt. Der spätere Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek hat schon im Jahre 1944 in Oxford vor einem Kreis angelsächsischer Wissenschaftler die Freiburger Schule unter Walter Eucken, Franz Böhm und Großmann-Doerth als "makellose Oase" in einer geistig-moralischen Wüste bezeichnet.
F.A. von Hayek selbst hatte im gleichen Jahr 1944 in England das Buch "Der Weg zur Knechtschaft" veröffentlicht, in welchem dargestellt ist, daß eine sozialistische Wirtschaft und ein sozialistischer Staat zwangsläufig zur Entrechtung des Menschen bis zum Verlust der Freiheit, buchstäblich zur Knechtschaft führen müssen. Mit dem Nobelpreis wurde seine gesamte wissenschaftliche Leistung gewürdigt.
So hat die Wissenschaft einen wesentlichen Beitrag für den Sieg und die Durchsetzung eines Neuaufbaues in Deutschland in Freiheit geleistet.
Als Student an der Freiburger Universität wurde ich im Jahre 1934 an das Seminar für "Recht der Wirtschaftsordnung" berufen, das von Walter Eucken, Franz Böhm und Großmann-Doerth begründet worden ist. Mein ganzes Leben hindurch bin ich durch die Lehren der Freiburger Schule geprägt worden.
Wenn ich in einer Rückschau das Jahr 1945 - der Zusammenbruch des deutschen Reiches und der Beginn der deutschen Spaltung - und das Jahr 1990 mit dem erlangten Glück der Wiedervereinigung Deutschlands, miteinander vergleiche, dann drängt sich die schmerzliche Erfahrung auf: Nach 1945 ging es mit Deutschland aufwärts, weil wir Ideen hatten, die sich zur Botschaft der
Sozialen Marktwirtschaft und der ungeschmälerten Bejahung einer stabilen Verfassungsdemokratie verdichtet hatten. Ein gleicher Aufbruch kommt aber in unserer Zeit nicht zustande, weil wir im deutschen Jammertal in den Zustand einer, wie es Roman Herzog sagte, totalen mentalen Depression hinein geraten sind.
Mein Fazit ist:
Die Soziale Marktwirtschaft - ohne Abstriche - und die repräsentative Demokratie - ohne Abstriche -, müssen unsere Vision für das 21. Jahrhundert sein.
V.
Unsere Epoche ist das "Jahrhundert der totalen Verführung" genannt worden, in dem zwei verwandte Ideologien mit totalitären Denkformen und Zielsetzungen um die Herrschaft kämpfen:
Die marxistische Klassentheorie in Rußland und die nationalsozialistische Rassentheorie in Deutschland.
Der Absolutheitsanspruch, den jedes System für sich stellt, läßt keine andere Wahrheit zu. Der Mensch ist dem Apparat völlig unterworfen. Es gibt nur Gute oder Böse, Freunde oder Feinde.
Deshalb war auch die kriegerische Auseinandersetzung der beiden Systeme auf gegenseitige Vernichtung abgestellt. Die Opfer des Zweiten Weltkrieges auf beiden Seiten haben eine unfaßbare Millionenzahl erreicht.
Kein Wunder, daß die Menschheit von den totalitären Ideologien beider Spielarten geheilt ist. In den 5Oer Jahren war die Ablehnung des Kommunismus ebenso wie des Faschismus-Nationalsozialismus unbestritten. Doch erstaunlicherweise blieb es dabei nicht. In den 60er Jahren erfahren wir eine "Neuaufladung ideologischer Energien und ideeller Verführungen", verwandt den Ausbrüchen und Irrungen der ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts. Die marxistischen Theorien erlebten eine Renaissance, insbesondere bei der studentischen Jugend. Die sogenannte Kulturrevolution wurde durch Vorgänge in den USA und in Frankreich inspiriert. Wahrend sie jedoch dort relativ bald verebbte, machten es die Deutschen gründlicher. Die Universitäten wurden mit wenigen Ausnahmen Schauplätze revolutionärer Umtriebe.
Maßgebliche Antriebskraft war die "kritische Theorie" der Frankfurter Schule unter den Sozialphilosophen Marcuse, Adorno, Horckheimer und Habermas. Die Stichworte "Emanzipation", "Demokratisierung", "Selbstverwirklichung", "Verweigerung", "antiautoritäre Erziehung" u.a. verwirrten die Köpfe der Studenten und führten zu den bekannten Exzessen. Lehre und Forschung an vielen unserer hohen Schulen wurden stark beeinträchtigt. Damit einher ging jene "Befreiung zur Sexualität", deren Auswirkungen wir heute in der Lawine von Pornographie und Perversion erleben müssen.
Ein Zweig der revolutionären 60er-Bewegung mündete in den Terrorismus ein, der von der "Gewalt gegen Sachen" eskalierte zur Gewalt gegen Personen. Attentate gegen führende Politiker und Wirtschaftsleute wurden verübt. Der Höhepunkt wurde im Jahre 1977 durch die Geiselnahme und nachfolgende Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer erreicht. Von da an allerdings schlug die Stimmung um; die Terroristen verloren ihren Rückhalt in der bisherigen Sympathisantenszene.
In Baden-Württemberg hat sich der Terrorismus besonders ausgetobt. Im Hochsicherheitsgefängnis von Stammheim begingen drei Leitfiguren des Terrorismus Selbstmord, nachdem der Erpressungsversuch durch die Entführung der Lufthansamaschine "Landshut" gescheitert war. Zuvor hatten die Häftlinge aus den Zellen heraus über konspirierende Anwälte ihre Agitation fortgesetzt. Im Gefängnis so hieß es, würden sie der "Isolationsfolter" unterworfen. Ein begrenzter Teil der Medien gab sich dazu her, diese Lügen in sensationeller Form aufzumachen. Der französische Philosoph Sartre beehrte den unter Mordverdacht einsitzenden Terroristen Baader mit seinem Besuch, der als großes Medienspektakel aufgezogen wurde.
Ich wirkte damals im großen Krisenstab mit, der unter der Leitung des Bundeskanzlers Helmut Schmidt Gegenmaßnahmen ergriff, die zur Überwältigung der Flugzeugentführer auf dem Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu führte. Damit war dem Terrorismus, der jahrelang Behörden und Bevölkerung der Bundesrepublik verunsichert hatte, die Spitze abgebrochen. Die Gefahr des Terrorismus ist von interessierter Seite bewußt heruntergespielt worden. Wäre die Befreiung der Geißeln in Mogadischu nicht geglückt, so hätte das die politische Stabilität der Bundesrepublik in Gefahr gebracht. Der Bundeskanzler hätte zurücktreten müssen und zwar sowohl bei einer Nachgiebigkeit gegenüber den Entführern, als auch bei einem Blutbad unter den 87 Geißeln, das die Terroristen für den Fall der Nichterfüllung ihrer Forderungen angedroht hatten.
Der Angriff der linksextremen Kräfte hatte auf den Umsturz der Bundesrepublik Deutschland und die Errichtung eines sozialistischen Rätestaats nach östlichem Muster gezielt. Die Akteure erhielten entscheidende Hilfe vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR, das ein Netz von Agenten, das nach vielen Tausenden zählte, über die Bundesrepublik gespannt hatte. Es gab damals Indizien für diese Unterwanderung. Die Akten der DDR, die mittlerweile zur Verfügung stehen, geben nun die Gewißheit. Die sogenannte Studentenrevolte war keineswegs autonom wie sie vorgab.
Die Freiheit der Bürger war nur durch Kampf gegen diese Art von Sozialismus zu garantieren. Diesen Kampf haben wir unter der Parole "Freiheit oder Sozialismus" geführt und erhielten bei den Wahlen eine überwältigende Zustimmung durch die Bürgerinnen und Bürger.
Ende der 60er Jahre gab es in Baden-Württemberg und auch in anderen Bundesländern ein rechtsradikales Zwischenspiel. Die NPD, eine rechtsextremistische Partei, errang bei den Wahlen im Jahre 1968 10 % der Stimmen in Baden-Württemberg, ohne zuvor auch nur ein einziges Mandat besessen zu haben. Das war die Folge der Umtriebe der linkssozialistisch-kommunistischen Kulturrevolutionäre, die das in jeder Demokratie latent vorhandene Wählerpotential auf der rechtsextremistischen Seite mobilisierte. Wir bekämpften die NPD so wirkungsvoll, daß sie nach vierjährigem Mandatsbesitz erledigt war. Sie hatte nicht mehr die Kraft, bei der nächsten Landtagswahl in Baden-Württemberg auch nur anzutreten.
VI.
Aus dem Zweiten Weltkrieg waren die USA und die Sowjetunion als Supermächte hervorgegangen: sie bestimmten das politische Geschehen im Weltmaßstab. Doch zwischen ihnen gab es nicht ein Gleichgewicht der Kräfte, sondern Rivalität.
Die beiden mit Atomwaffen ausgerüsteten Mächte standen sich gegenüber und wir Deutsche lagen zwischen West und Ost in der Mitte, an der Nahtstelle.
Wie ein Damoklesschwert hing die Frage über allem: Wer würde den ersten Schlag tun? Das war das Szenario des Kalten Krieges.
Wir haben das Ende des Kalten Krieges erlebt, in einem atemberaubenden Geschehen, das zu einem glücklichen Ende führte, ohne daß ein Schuß gefallen ist. Der Eiserne Vorhang verschwand. Deutschland wurde vereinigt und nun setzte ein Beben ein, das östliche Regierungen reihenweise aus den Sätteln hob und Staatenblöcke ins Nichts auflöste. Das mächtige Sowjetimperium brach zusammen. die der Sowjetunion vorgelagerten Satellitenstädte erreichten ihre Selbständigkeit.
Wir Deutsche - und nicht nur wir - waren fassungslos vor Staunen darüber, was sich in den Jahren 1989 und 90 ereignet hat. Ein von vielen Tausenden, ja von Hunderttausenden gesprochener Satz, der in Leipzig, Dresden, Berlin und anderswo auf den Straßen ertönt ist, hat die Wiedervereinigung möglich gemacht.
Der Satz, der diese magische Kraft hatte und der auf unzähligen Kundgebungen wiederholt wurde, lautete:
"Wir sind das Volk - wir sind ein Volk".
Das Geschehen der Wiedervereinigung Deutschlands war keineswegs, wie man es hätte erwarten müssen, von allen Deutschen bejaht worden. Linke und linksliberale Kräfte waren von der Vorstellung beherrscht, daß die deutsche Einheit nur mit der Sowjetunion zu erreichen sei: ,Der Schlüssel zur deutschen Einheit liegt in Moskau". Der zweite deutsche Staat, die DDR, bildete in ihren Augen das Bindeglied zur Sowjetunion, dessen Erhaltung somit im Interesse des Friedens läge. Das war ein Irrtum.
Im Jahre 1987 wurde von einer gemeinsamen SPD-SED-Kommission ein Ideologie-Papier erstellt, in dem Repräsentanten der SPD das SED-Regime als "friedensfahig" und "demokratisch" einschätzten. Der SED wurde eine "humanistische" Orientierung zugebilligt und eine gemeinsame "Kultur des Streits" als Aufgabe herausgestellt. Einer der Haupturheber dieses Papiers ist der SPD-Politiker Erhard Eppler, den es offenbar nicht störte, daß Kurt Schumacher die Kommunisten als "rot lackierte Nazis" angesprochen hatte. An Eppler und seinen Gesinnungsfreunden ist offenbar auch die gesamte GULAG-Diskussion vorbeigegangen, die z.B. maßgebliche französische Linksintellektuelle und Kommunisten aufgeschreckt und zur scharfen Distanzierung von ihrer ehemaligen Partei gebracht hat. Es ist bemerkenswert, daß konservative und linksalternative Bürgerrechtler in der Ablehnung des Ideologiepapiers von SPD und SED übereinstimmten. Die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier sagte, dieses Papier "schlägt uns die Beine weg".
Der frühere enge Mitarbeiter Willy Stophs, Hermann von Berg, hat festgestellt, dieses Papier schreibe die Existenz der SED und ihrer Diktatur fort. Helmut Schoeck sah darin die Begründung einer Blutsbrüderschaft zwischen SPD und SED, die sich eine wechselseitige Bluttransfusion durch diese Einigung verschafft hätten.
Die Zahl der Befürworter einer fortdauernden deutschen Zweistaatlichkeit war nicht gering. Sie besaßen einen effektiven publizistischen Rückhalt in den linksorientierten Medien. So kam es, daß die Sozialdemokraten im Jahre 1989, als die Chance zur Wiedervereinigung greifbar wurde, Warnungen hören ließen, die Wiedervereinigung könne zu einer neuen "Eiszeit" gegenüber der Sowjetunion führe. Egon Bahr, der Ostpolitiker der SPD, sah sich noch im September 1989 zu der Äußerung in der Lage: "Die Deutschen in der DDR würden sich ihren Staat nicht wegnehmen lassen". Von der Wiedervereinigung Deutschlands wurde als der "Lebenslüge der Deutschen" gesprochen.
Die SPD war praktisch handlungsunfähig, als Bundeskanzler Kohl die entscheidenden Verhandlungen mit Gorbatschow einerseits und mit den Westmächten andererseits führte, die schließlich die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 uns einbrachte. Politiker, Publizisten und Intellektuelle der Linken, die von der Stabilität der Sowjetunion ausgegangen waren und aus Opportunismus dem Status Quo verhaftet blieben, sahen sich durch den Gang der Dinge widerlegt. Nun war das Scheitern ihrer Ideologie offenbar. Sie waren sprachlos und ihr lange aufrechterhaltener Anspruch auf geistige Hegemonie war verloren. In dieser Lage suchte die Linke nach einem Rettungsanker und fand einen Trick. Der längst für tot erklärte Faschismus wurde verbal zum Leben erweckt und als Gefahr plakatiert, gegen die alle Kräfte, die es gut mit der Demokratie meinten, mobilisiert werden müßten!
Daß die rechtsradikalen Parteien in der Bundesrepublik nur eine marginale Rolle spielten, wurde propagandistisch durch die Großaufnahmen randalierender Radaubrüder und krimineller Skinheads überspielt. So verstanden es die von der Geschichte Widerlegten, sich wieder Gehör zu verschaffen. Nach bewährtem Muster wurde der Antifaschismus politisch auch gegen "Konservative" instrumentalisiert. Der Kanon dessen, was politisch korrekt sei, wurde von angepaßten Wächtern der politischen Moral formuliert. es bildete sich die politische Correctness als eine Institution, die vorschreiben will, was gedacht und was gesagt werden darf: "Kommunismus ist gut, Faschismus ist schlecht". Mit der Faschismuskeule werden diejenigen verfolgt, die nicht links stehen. Erstaunlich ist es, daß diese Strategie und Taktik Abnehmer findet, wie auf dem Medienmarkt zusehen ist, obwohl sie von den Blamierten der Weltgeschichte stammt.
Der Historiker Hans Peter Schwarz hat das Verdienst auf die "Galerie der Blamierten" hingewiesen zu haben, die der kommunistischen Theorie und Praxis das Wort geredet haben.
VII.
1. Wenn ich nach 85 Jahren eine Bilanz zu ziehen versuche, möchte ich die folgenden Lebensstufen in meinen besonderen Blick rücken:
a. Die Jugendbewegung, in welcher der Geist und die Lebensformen des "Wandervogels" lebendig waren, mit unseren "Fahrten", Zeltlagern und Heimabenden. Wir waren eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, nicht zuletzt im Religiösen, mit vielen Interessen für Kunst, Musik und Literatur. Es ging natürlich und jungenhaft bei uns zu, keine Allüren und kein elitäres Bewußtsein.
b. Als Student und junger Wissenschaftler hatte ich hervorragende Lehrer, die auch in menschlicher Hinsicht Vorbilder waren. Ich nenne den Strafrechtler und Rechtsphilosophen Erik Wolf, meinen Doktorvater, den Zivilrechtler Großmann-Doerth, Walter Eucken und Franz Böhm. Großen Eindruck auf mich haben Vorlesungen des Philosophen Heidegger gemacht, trotz des politischen Irrtums, der diesen großen Denker in den Anfangsjahren zu einem Befürworter des Nationalsozialismus hat werden lassen, und viel verdanke ich auch dem Historiker Gerhard Ritter und dem Kunsthistoriker Pinder.
c. Als junger Staatsbürger und Rückkehrer aus Krieg und Gefangenschaft war ich von der Politik Konrad Adenauers so fasziniert, daß ich mich entschloß, wenngleich in bescheidenem Rahmen, auch politisch aktiv zu werden. Ich begann als Stadtrat in Freiburg und übte daneben meinen Anwaltsberuf aus. Später kamen dann die Berufungen in die Landespolitik hinzu. Ich wurde zunächst ehrenamtlicher Staatsrat mit Sitz und Stimme im Kabinett, dann Innenminister und trug schließlich die Verantwortung für die Politik des Landes Baden-Württemberg als Ministerpräsident. Ich konnte etwas Nützliches tun für- die Integration der beiden Landesteile Baden und Württemberg
- die Entwicklung des Landes, das schließlich mit seiner Leistungskraft alle übrigen Bundesländer überholen konnte
- die Sicherung des Rechtsstaates gegen den Extremismus von rechts und links.
- Das Vertrauen der Bevölkerung konnte in zunehmendem Maße gewonnen werden, was sich in den Wahlergebnissen für meine Partei, die CDU, niederschlug. Wir gewannen nicht nur die absolute Mehrheit, sondern konnten den Stimmenanteil bis auf nahezu 57 % steigern.
- In der Bildungspolitik wurde die Grund- und Hauptschule verstärkt, neue Hochschulen, Fachhochschulen und Berufsakademien wurden gegründet und die Angriffe der Kulturrevolutionäre auf unsere Hochschulen abgewehrt.
Zusammen mit Freunden habe ich im Jahre 1979 das Studienzentrum Weikersheim als eine geistig politische Initiative gegründet, die den Staat befähigen sollte, mit den Herausforderungen unserer Zeit fertig zu werden.
Wir haben schon in der Mitte der 8Oer Jahre das Scheitern des Marxismus erkannt und auf einem großen Kongreß in Mannheim dem Thema eine beachtliche Breitenwirkung verschafft.
Die Deutschlandpolitik, und damit das Thema der Wiedervereinigung, gehörte zu den Schwerpunkten unserer Arbeit. Seit dem Jahre 1981 hat das SZW deutschlandpolitische Tagungen in Berlin, häufig im Reichstagsgebäude, durchgeführt, die letzte im Frühling jenes Jahres, das dann die Wiedervereinigung tatsächlich brachte, nämlich 1989.
Die Notwendigkeit einer Abkehr vom materialistischen Denken ohne metaphysischen Hintergrund war eines unserer Hauptanliegen. Wir haben eine geistige Wende und eine Orientierung an den christlich-humanen Werten Europas bereits Anfang der 8Oer Jahre gefordert.
1. Wenn ich nach den Defiziten frage, so liegen diese im Bereich der deutschen Identität und folgen aus der Erblast, die uns das Dritte Reich aufgebürdet hat. Man hat gesagt, daß wir Deutsche von einem Volk der Machtbesessenheit zu einem Volk der Machtvergessenheit geworden seien, ein Wort, das einen unbestreitbaren Wahrheitsgehalt besitzt. Nichts Geringeres als die Existenz unsres Volkes steht auf dem Spiel, wenn wir die Identifikation mit uns selbst und als Nation nicht meistern.
Die Aufgabe sehe ich darin, dem rasanten Fortschritt in Wissenschaft und Technik ein geistig-moralisches Gegengewicht zu schaffen. Das kann nicht geschehen, ohne daß die religiösen Kräfte erneuert werden. Die Vergegenwärtigung unseres christlichen Erbes ist eine unserer vordringlichsten Aufgaben. Ohne Religion und religiöse Erneuerung werden wir dem Positivismus und dem Werterelativismus verhaftet bleiben.
Aber nicht nur das. "Wenn der Mensch keinen transzendenten Glauben findet, der ihn eint, im Suchen und in der Demut, so wird er Krieg führen, gleichgültig unter welchen Formen und Decknamen" - hat Golo Mann ausgesagt und stellt fest: "Darum wird Religion des Menschen wichtigstes Anliegen bleiben".
Meine Generation, die durch Umbrüche apokalyptischen Ausmaßes geschritten ist, steht nicht im Verdacht, den Mund zu voll zu nehmen, wenn sie auf die Folgen verweist, die eine rein materialistische Orientierung unseres Denkens und unserer Politik nach sich ziehen kann.
Friedrich Nietzsche hat vorweg genommen, was in unserer Epoche eingetreten ist, als er 1887 sagte:
"Das Ereignis des Glaubensabfalls ist viel zu groß ... daß wir bereits wüßten, was eigentlich sich begeben hat; ... eine Folge von Abbruch, Zerstörung, Untergang, Umsturz"...
Wodurch ist das Gesicht unserer Zeit gekennzeichnet?
Der Münchener Philosoph und Deuter unserer Zeit, Eugen Biser, gibt darauf die Antwort:
"Durch die stürmische Entwicklung der Naturwissenschaften im Bund mit der Technik. Eine 'praktizierte Metaphysik', die keiner Transzendenz mehr bedarf, ist vorherrschend".
Und er fragt, wo die wegweisenden Zeichen und wo das prophetisch deutende Wort seien. Dieses Wort "ist nötig in einer Zeit der umfassenden Orientierungslosigkeit und der Verunsicherung".
Ich persönlich glaube nicht an ein progressives Schwinden der christlichen Religion. Zwar hat die religiöse Kultur eine Phase des katastrophalen Zusammenbruchs hinter sich, doch weisen die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung keineswegs auf eine stetige Abnahme der Bindung an Religion und Kirche hin. Es gibt gerade in der jungen Generation deutliche Anzeichen für ein wachsenden Interesse an religiösen Fragen, wenn auch das Bedürfnis religiöser Bindung oft in die Irre geht, wie der Zustrom zu Jugendsekten beweist.
2. Wenn wir nach den Bezugspunkten für das Leben unseres Volkes Ausschau halten, dann muß unweigerlich der Begriff N a t i o n seinen Platz erhalten. Der Begriff war lange Zeit wegen des nationalistischen Mißbrauchs verfemt. Auch wurde verkündet, daß das Aufgehen Deutschlands in Europa die Nation ohnedies obsolet machen werde. Man glaubte, wir bekämen einen europäischen Bundesstaat, der die nationalen Identitäten zum Verschwinden bringe. Das hat sich als Irrtum erwiesen. Das vereinte Europa wird kein Einheitsbrei werden, sondern die verschiedenen Nationalitäten werden auch in der Zukunft ihre Bedeutung behalten. Und für die so viel zitierte "Globalisierung" gilt: Je mehr Globalisierung desto mehr nationale und kulturelle Identität ist nötig. Für unsere europäischen Nachbarn im Westen, vor allem Frankreich, ist das eine Selbstverständlichkeit.
3. Wir entdecken heute wieder den Wert, den die Heimat für den Menschen besitzt: Der Ort, wo er geboren und aufgewachsen ist und die Lebensart von seinen Vorfahren übernimmt. All das ist wichtig für unsere Zukunft als Deutsche und für uns Deutsche als Europäer. schließlich müssen wir die Bedeutung unseres freiheitlichen Rechtsstaates wieder neu entdecken.
viele haben unter dem Eindruck einer für den Staat negativen Publizität vergessen, daß es die größte humane und geschichtliche Errungenschaft ist, die wir Deutschen, gemeinsam mit den Demokraten des Westens, besitzen. Er ist das Ergebnis von jahrhundertelangen Kämpfen um die Freiheit und die Selbstbestimmung des Menschen. Wir schauen gerade in diesem Jahre auf den Freiheitskampf unseres Volkes zurück, der im Jahre 1848 mit großem Elan begonnen hat und leider blutig niedergeschlagen wurde. Was vor 150 Jahren gescheitert war, ist in unserem Zeitalter geglückt.
4. Dieser Staat muß die Unterstützung aller erhalten, damit er sich selbst behaupten kann. Das warnende Beispiel des Weimarer Staates, der an seiner Schwäche zugrunde ging, muß im Auge behalten werden. Deshalb ist es berichtigt, ja notwendig, daß wir heute wieder von Patriotismus reden. Jeder Deutsche und insbesondere die Jugend hat das Recht, stolz auf das eigene Land zu sein; er sollte sich auch zu den Tugenden bekennen, die alleine in der Lage sind, unser freiheitliches Gemeinwesen zusammenzuhalten. In der Kulturrevolution und danach hat man die staatsbürgerlichen Tugenden wie Pflichterfüllung, Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft, Leistung... als Sekundärtugenden herabgesetzt. Der Übermut, der daraus sprach, ist Köpfen entsprungen, die sich für immer bloßgestellt haben. Keiner von ihnen wagt es heute mehr, sich mit diesem Unsinn zu brüsten.
Wenn ich von Patriotismus rede, dann muß ich mich gegen die auch noch in unseren Tagen erfolgende infame Beschuldigung der Soldaten der ehemaligen Wehrmacht wenden, sie seien Mitglieder einer verbrecherischen Organisation gewesen. Das deutsche Volk hat Recht daran getan, sich zwar nicht zur Schuld - aber zur Verantwortung für die Verbrechen von Hitlers Herrschaftssystem zu bekennen. Es wird auch nicht geleugnet, daß Soldaten der Wehrmacht währen des Zweiten Weltkrieges an Verbrechen beteiligt waren.
Doch die große Masse der 18 Millionen Soldaten hatte damit nichts zu tun. Die Wehrmacht wurde von dem internationalen Gerichtshof in Nürnberg
nicht schuldig gesprochen. Und den deutschen Soldaten hat die Geschichte ein gutes Zeugnis ausgestellt: Es wurde ihnen sogar Fairness, Tapferkeit und Disziplin unter Beachtung des Völkerrechts von Repräsentanten aller vier Siegermächte bescheinigt. Der verstorbene Ministerpräsident Frankreichs, Mitterrand, hat das in die Worte gekleidet: "Sie waren mutig, sie nahmen den Verlust ihres Lebens hin für eine schlechte Sache. Aber ihre Haltung hatte damit nichts zu tun. Sie liebten ihr Vaterland..."
Die überwältigende Mehrheit der ehemaligen Soldaten der Wehrmacht haben ihr bestes für ihr Vaterland und für den Schutz ihrer Mitbürger gegeben. Sie haben die Ehrerbietung des ganzen Volkes, auch der heutigen Generation verdient. Jedes Volk ehrt sich selbst, wenn es diejenigen, die ihm treu gedient und für es Opfer gebracht haben, in Ehren hält.
Ich lese jetzt immer wieder Zeitungsanzeigen, in denen gefallene Soldaten von ihren Angehörigen geehrt werden, aber mit einem Zusatz der betroffen machen muß:
"Sie opferten ihr Leben für das Vaterland, das heute die Verunglimpfung seiner Soldaten duldet".
Ganz allgemein scheint mir der Ehrenschutz, wie er der menschlichen Person nach Artikel 1 unseres Grundgesetzes zugedacht ist, nicht mehr den Rang zu besitzen, der ihm zukommt. Das Bundesverfassungsgericht hat der Meinungsäußerungsfreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes eine in mancher Hinsicht höhere Bedeutung eingeräumt als der Würde der Person. Ich halte den Schutz der Meinungsfreiheit für ein hohes Gut und bekenne mich voll und ganz zu dessen Einstufung als Grundrecht unserer Verfassung. Doch fürchte ich, daß in der Praxis unserer Rechtsprechung der Ehrenschutz zu kurz kommt.
Sowohl Fritz Pringsheim, der jüdische Rechtsgelehrte, wie Willy Hellpach der liberale Staatspräsident von Baden zwischen 1925-1929, haben nach 1945 die Wahrung des Ehrenschutzes der Person als die erste moralische Grundlage eines demokratischen Verfassungsstaates bezeichnet. Ich habe bei einer anderen Gelegenheit den Satz gesagt:
"Ein freiheitlicher Rechtsstaat, in dem die persönliche Ehre verletzt werden darf, ruiniert sich selbst".
Angesichts der immer weiter fortschreitenden Macht der Medien gewinnt dieser Satz heute eine noch größere Bedeutung. Der Staat selbst könnte Schaden nehmen, wenn die Würde der Person nicht mehr das ihr zukommende Gewicht behielte.
Schlußbemerkung
Zwei Weltkriege und zwei schwere Nachkriegszeiten füllten die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts aus. Die Frage, ob diese beiden katastrophalen Ereignisse vermeidbar waren, interessiert nicht nur die Historiker. Was den Ersten Weltkrieg angeht, so ist man sich heute wohl überwiegend darüber einig, daß die Interessengegensätze zwischen den beteiligten Mächten nicht unüberbrückbar waren, und daß friedliche Lösungen hätten gefunden werden können, wenn die Staatsmänner ihrer Aufgabe gewachsen gewesen wären. Welcher Vorwurf an die damals Verantwortlichen!
Der Erste Weltkrieg war die "Mutterkatastrophe des 20. Jahrhunderts" sagt mit Recht Golo Mann. Dieser Krieg und nicht zuletzt sein Friedensschluß in Versailles trugen bereits den Keim für den Zweiten Weltkrieg in sich, der dann allerdings nicht nur eine Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Staaten, sondern vor allem auch zwischen zwei totalitären Ideologien gewesen ist. Diese Ideologien sind durch die Geschichte widerlegt worden, aber sie sind nicht tot. Es bedarf der Wachsamkeit auch der nachwachsenden Generation, daß in Zukunft Frieden und Freiheit für Deutschland und die europäischen Völker gesichert werden kann.
Der Philosoph Max Müller, mein Lebensfreund, hat als letztes Werk vor seinem am 18. Oktober 1994 erfolgten Tod das Buch
"Auseinandersetzung als Versöhnung" geschrieben.
Es ist "Ein Gespräch über ein Leben mit der Philosophie". Der Titel scheint mit die Spannweite dessen zu umfassen, was das Verhältnis von Politik und Geist ausmacht. Wahrheit wird nur durch die Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Auffassungen zutage gefördert. Aber die Auseinandersetzung soll nicht bei der Polarisierung stehenbleiben, sondern soll, im Eindringen in die Gedankenwelt des Partners, das gegenseitige Verstehen ermöglichen, das dann auch die Basis für Kompromisse schafft. Insoweit ist die Mahnung des Verfassers ein Postulat, das sich an die Politiker richtet, allerdings an diejenigen, die Politik nicht als Funktion für eine Karriere ansehen, sondern denen es in der Politik um die Erringung geistiger Wahrheitspositionen geht.
Ein anderer großer Autor, der mich seit meiner Studentenzeit in seinen Bann geschlagen hat, ist Ernst Jünger, der kurz vor Erreichen seines 103. Geburtstages im Frühjahr dieses Jahres gestorben ist. Mich hat sein Buch "Der Arbeiter, Herrschaft und Gestalt" schon zu Anfang meines Studiums in Freiburg im Jahre 1934 beschäftigt.
Sein weiteres Werk "Die Marmorklippen", das 1939 erschienen ist, wurde von uns geradezu mit Heißhunger gelesen, weil wir darin eine verschlüsselte Botschaft über Hitler und das, was von ihm zu erwarten und zu fürchten sei, erblickt haben. Ernst Jünger hat für das 21. Jahrhundert vorausgesagt, es werde eine Epoche der "Titanen" geben. "Die Rüstung der Titanen ist vor allem technischer Natur" schreibt er und bezieht sich auf Hölderlin, der im Zeitalter der Titanen eine Ermattung der Künste und vor allem der Dichtkunst voraussieht.
Aber Ernst Jünger meint mit dieser Prognose keineswegs, daß damit eine Endzeit eingeleitet werde.
"Titanen leben und wirken in der Zeit" sagte Ernst Jünger in den "Prognosen", die er 1993 veröffentlicht hat. Und an der gleichen Stelle heißt es:
"Der Künstler ist in der Isolation verloren - er bedarf der Kultur".
Wir selbst, die wir in diesem Zeitalter leben, bedürfen der Kultur, und wir bedürfen der Dichter und Künstler, wie wir sie in der Gestalt des hundertjährigen Ernst Jünger erkennen.
Im Jahre 1975 habe ich Ernst Jünger den Schillerpreis des Landes Baden-Württemberg verliehen - es war der erste Preis, den er nach langer Verfemung erhielt - und dabei ausgeführt: "Die Aufgabe unseres Zeitalters, die Technik zu durchdringen, sie in den Bereich des Humanen einzubeziehen, kann nur durch einen solchen vertieften Umgang mit der Sprache erreicht werden". Sie ist die zentrale Aufgabe unserer Zeit. Ohne Kunst und Kultur, ohne Gott würde unser Zeitalter keine humane Zukunft haben. Deutschland ist nur solange ein demokratischer Rechtsstaat wie es ein Kulturstaat ist - wie vor allem mein geliebtes Baden-Württemberg und der Freistaat Bayern. |